Walk over – Kapitel 5 – Teil 2

Äußerst selten“, er sah wieder ins Feuer. Nur ein kurzes Zucken unter seiner Gesichtshaut verriet, dass er über irgendetwas nachdachte. „Auch nach vielen Jahren hier im Untergrund bevorzugte meine Mutter stets vornehme Zurückhaltung.“

„War sie schön?“, platzte es plötzlich aus Eve heraus.

Tristan nickte geistesabwesend.

„Sie war eine Sio. Ein synthetisch-intelligenter Organismus“, erklärte er auf Eves fragenden Blick hin, bevor er ungeduldig die Augen verdrehte. „Was lehren die euch in euren Reservaten eigentlich?“, fragte er genervt.

„Kochen, Nähen, Feldarbeit“, begann Eve aufzuzählen, bis sie Tristans vernichtender Blick zum Schweigen brachte.

„Sios waren die GOMs der ersten Stunde. Auserwählte, reiche Menschen zeugten ihre Kinder nicht mehr selbst, sondern ließen sich optisch und genetisch perfekte Kinder nach ihren Wünschen züchten – für eine Menge Geld versteht sich. Das war wenige Jahre nach dem Jahr Null, dem Jahr in dem man den menschlichen Gencode fast vollkommen entschlüsselt hatte.“

„Wieso fast vollkommen?“, hakte Eve nach.

„Weil selbst heute noch ab und an ungewollte Muster im DNA-Raster auftreten. Mutationen. Ziemlich lästig möchte man meinen. Alle Sios wurden damals Invitro erzeugt. Die Heranzucht eines Sios dauerte ganze zwölf Monate. Mittlerweile gibt es mehr Goms, die auf natürliche Weise entstehen. Durch die Paarung zweier…“, Tristan brach den Satz ab, als er Eves verstörtes Gesicht bemerkte.

„Was soll das heißen: Auf natürliche Weise?“, Eve zog die Augenbrauen zusammen. Die Aufzucht in Zuchtanstalten war die natürliche Weise. Tristan blinzelte sie verwirrt an.

„Bienchen und Blümchen?“, hakte er nach. Eve runzelte lediglich die Stirn.

„Was ist Bienchen?“, sie sah ihn zweifelnd an.

„Du weißt nicht was eine Biene ist? Eine Honigbiene?“, Tristan sah sie forschend an, bis er schallend zu lachen begann. „Und du weißt nicht, wie Menschen sich fortgepflanzt haben bevor es die Zuchtanstalten gab?“

Eve schüttelte Kopf. Sie war verwirrt.

„Ich werde es dir nicht verraten“, schwor er immer noch lachend. „Aber ich würde zu gerne dein Gesicht sehen, wenn du es eines Tages herausfindest. Obwohl…“, er stockte.

„Obwohl – was?“, hackte sie skeptisch nach. Da war er wieder! Dieser mitleidige Blick.

Published in: on Februar 23, 2010 at 10:30 vormittags  Kommentare (1)  
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