Eve sah noch wie er den Kopf in den Nacken warf, bevor sein Gesicht sich seltsam deformierte.
„Heilige GOM“, hauchte Eve verstört, als sich die Nase des Fremden von alleine zu brechen schien. Ein seltsames Knacken erklang, als sich die Gelenke verzogen und bogen, seine zu klein gewordene Haut abplatzte um einem dichten, dunklen Fell Platz zu machen. Eve schluckte trocken.
„Es ist jetzt genug Emrys“, sagte der Alte bedächtig. „Hier drinnen ist doch gar nicht genug Platz.“
Eve sah hektisch zwischen dem alten Mann und dem seltsamen Emrys hin und her, der plötzlich in der Bewegung zu erstarren schien. Eve schloss angewidert die Augen als das seltsame Schauspiel sich rückgängig machte, bevor ihr wieder der junge Mann gegenüber stand. Zitternd stützte er sich auf dem Tisch ab, bevor er sich wieder gefasst hatte. Er sah Eve abschätzend an.
„Ich schätze wir verstehen uns?“, er sah sie mahnend an. Eve nickte einmal andeutungsweise. Er lächelte.
Eve starrte auf die glänzende Tischplatte vor sich. Wenn es keine Märchen gab, dann war er…
„Ein Mutant“, sagte Eve kaum hörbar. Sie dachte noch einen Moment nach, bevor sie entschlossen zu ihm aufsah.
„Hören Sie“, bat Eve. „Wenn Sie ein Mutant sind, dann befinden wir uns hier im Untergrund richtig? Ich bin hier um Ihnen zu helfen.“
„Wie möchtest du uns denn helfen kleine GOM?“, der Fremde sah sie belustigt an.
„Tristan bat mich die GOM vor einer Invasion zu warnen.“
„Tristan“, stöhnte der Fremde und verdrehte theatralisch die Augen.
„Sie kennen Tristan?“, fragte Eve hoffnungsvoll.
„Wer nicht?“, der Fremde blickte einen Moment zerknirscht ins Nichts. „Und seine Wahnvorstellung der Oberwelt zu helfen. Hör zu Kleine“, der Fremde sah sie einfühlsam an. „Nicht alle teilen Tristans Meinung. Unseretwegen können die Kyborgs alle Menschen übernehmen die sie finden können und die GOM bekämpfen bis ihnen das Schmieröl ausgeht. Wenn es dort oben einen Krieg gibt ist das nicht unserer. Die GOM sind auch nie auf die Idee gekommen uns zu unterstützen. Im Gegenteil. Würden Sie einen von uns in die Finger kriegen würden sie keine Sekunde zögern…“
„Wenn die Kyborgs die GOM stürzen, was hindert sie daran danach alle im Untergrund zu vernichten?“, hakte Eve zweifelnd nach.
„Du liebenswerte kleine GOM klingst wie Tristan“, brachte der Fremde angewidert hervor.
„Wirklich?“, Eve schnitt eine Grimasse.
„Hör zu“, der Fremde setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Wenn du diesen Irrsinn mitmachen möchtest werden wir dich nicht davon abhalten. Versuch mit den GOM zu reden. Oder lass es. Keiner von uns wird dich zwingen. Im Gegenteil. Solltest du dich dafür entscheiden meine Freundin zu sein, werden wir dich beschützen. Vor Robotern, Kyborgs und wenn es sein muss vor Irren wie Tristan. Was sagst du dazu?“
Eve sah ihn irritiert an.
Walk over – Kapitel 10 – Teil 3
Walk over – Kapitel 3 – Teil 4
Sie hatte in der Vergangenheit nicht sehr oft mit Tieren zu tun gehabt. Erst Recht nicht mit lebenden. Und schon gar keinen Säugetieren mit sechs Beinen.
„Was genau erwartet mich hier unten noch?“, Eve konnte nicht leugnen, dass ein gewisses Unbehagen in ihr aufstieg. Es begann sich von den nassen Füßen aus auszubreiten, kroch wie eine Kletterpflanze in ihr hoch und endete in der Gänsehaut an ihrem Nacken.
„Alles wovor man euch Menschen in euren Reservaten immer gewarnt hat: Halbwesen, Mutanten, Roboter, wilde Tiere. Aber glaub mir: Nichts hier unten ist so absolut tödlich wie die Wächter dort oben.“
Eve rümpfte die Nase. Welch rosige Aussichten!
„Aber wenn du Recht hast und die mich nun für einen GOM halten, dann könnte ich doch rein theoretisch…“, überlegte Eve laut und brach mitten im Satz ab, als sich Tristan schlagartig zu ihr herum drehte.
„Ja, dann kannst du was?“, fragte Tristan lauernd.
„Ich meine…“, stotterte Eve verunsichert. Das wackelnde Licht ließ Tristans funkelnde Augen beinahe noch unheilvoller erscheinen.
Tristen schüttelte seufzend den Kopf.
„Wenn du ehrlich bist, hast du doch gar keine Ahnung was ein GOM ist“, behauptete Tristan. „Du weißt nicht wo und wie sie leben. Wie du zur nächsten Siedlung kommst. Wie sie reden. Wie sie sich verhalten.“
„Aber du hast doch gesagt, ich könnte als einer von ihnen durchgehen“, hakte Eve nach.
„Du könntest“, stimmte Tristan zu. „Du hast das Aussehen dazu, aber von dem Benehmen und dem Auftreten bist du GOM-Jahre entfernt.“
Eve hätte Lügen müssen, um zu behaupten, dass sie sich nicht gekränkt fühlte. Woher sollte sie denn wissen, wie sich ein GOM typischerweise benahm? Es war ja nicht so, dass sich in den letzten Jahren auch nur einer von ihnen in das Reservat verlaufen hatte. Im Gegenteil! Es liefen schon Wetten, ob es sich bei den GOM nicht vielleicht um urbane Mythen handelte.
„Ich habe dich nicht gerettet, um dich gleich wieder an die Raubkatzen zu verfüttern“, erklärte Tristan mit sanfter Stimme, als er Eves zerknittertes Gesicht sah.
Die nächsten Stunden liefen sie stillschweigend durch die Dunkelheit des Untergrundes. Nach einiger Zeit glaubte Eve sich daran gewöhnt zu haben. An das wackelnde Zwielicht der Lampen, die tanzenden Schatten, das plätschernde Tröpfeln, das leise Getrappel zu vieler Pfoten auf dem harten Betonboden, den eigenartigen Geruch…