Als sie an die erste Abzweigung kam war sie für den Bruchteil einer Sekunde versucht absichtlich den falschen Weg einzuschlagen, musste aber einsehen, dass sie davon nichts hatte. Sie wusste ohnehin nicht was genau sie sich von ihrem kleinen Ausflug versprach, aber sie brauchte dringend ihre Ruhe. Tricias überhebliche Art war anstrengend und nagte an ihrem Selbstbewusstsein, von dem sie die Hälfte anscheinend auf der Flucht aus dem Reservat zurück gelassen hatte. Sie schüttelte entschieden den Kopf, als die Bilder der Flucht sich zurück in ihr Bewusstsein drängten. Wenn sie wollten, dass sie wie ein eingebildeter Storch stolzierte, würde sie ihnen den Gefallen tun. Auch auf Lächeln würde sie verzichten. Es war ohnehin Verschwendung von Energie.
Eve sah das Licht schon aus einiger Entfernung, erfreut rannte sie die letzten Meter, bis sie die von Tristan erwähnte Steintreppe erreichte. Helles Tageslicht fiel in den dunklen Tunnel herab und erleuchtete die Stufen zur Freiheit. Zwei der massiven Stufen auf einmal nehmen rannte sie die Treppe hinauf und blieb geblendet an ihrem Ende stehen. Mit geschlossenen und vor Helligkeit tränenden Augen wandte sie sich dem Himmel zu. Warmes Sonnenlicht wärmte ihre Nase, ein leichter Wind fuhr durch ihre Haare. Sie öffnete die Augen, als sie einen Vogel kreischen hörte. Wenn sie sich nicht vollkommen irrte, rauschte in der Nähe Wasser. Sie sah sich rasch um. Die Treppe endete in einer Ruine aus hellen Steinen. Vorsichtig watete sie über die Steine hinweg und erblickte in einiger Entfernung eine grüne Wiese. Hinter der Wiese begann nach einem schlammigen Streifen Erde das weite Meer. Das helle Sonnenlicht brach sich in den Wellen, blendete sie.
Als sie den Schutt endlich hinter sich gebracht hatte schritt sie vorsichtig durch das weiche Gras bis sie den kühlen Schlamm erreichte. Ab und zu umspülte eine besonders große Welle ihre Füße. Überwältigt von dem Anblick des unendlichen Meeres blieb sie eine Zeit lang reglos stehen. Sie versuchte zu erkennen wo der Horizont ins Meer überging, beobachtete die tanzenden Wellen, sah einem vorüber fliegenden Vogel nach und ertappte sich dabei wie sie einem Krebs zu lächelte, der an ihrem Fuß vorbei eilte. Nach dem sie sich flüchtig umgesehen hatte trat sie zurück ins Gras, entledigte sich der Baumwollkleidung und watete fast andächtig in das kühle Nass. Ab und zu kitzelte sie etwas unter den Füßen. Es dauerte einige Zeit, bis das Wasser so tief wurde, dass sie schwimmen musste. Um sie herum war weit und breit nicht mehr als unendliches Wasser. Sie fühlte sich klein und unbedeutend. Und sie genoss es.
Als Eve später am Strand aufwachte und fröstelte, zog sie sich rasch ihre Sachen über. Ihre Haare waren immer noch feucht. Seufzend setzte sie sich ins Gras und beobachtete, wie die Sonne langsam am Horizont unterging und den Himmel Farbtone zwischen rosa und orange tauchte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt etwas derart schönes gesehen hatte. Auch als die Nacht herein brach und sie ihren Baumwollmantel enger um sich zog dachte sie nicht eine Sekunde daran zurück zu gehen. Es gab nichts, außer vielleicht ihrem knurrenden Magen, was sie in die unnatürliche Dunkelheit mit ihren seltsamen Bewohnern zog.
Sie dachte gerade über ihre Eltern nach, als sie ein eigenartiges Geräusch hörte, reagierte jedoch zu spät. Bevor sie etwas machen konnte, spürte sie etwas hartes an ihrer Schulter, etwas eiskaltes lag an ihrem Hals.
„Es wäre besser du bewegst dich nicht“, mahnte eine männliche Stimmte.