Walk over – Kapitel 9 – Teil 3

Als sie an die erste Abzweigung kam war sie für den Bruchteil einer Sekunde versucht absichtlich den falschen Weg einzuschlagen, musste aber einsehen, dass sie davon nichts hatte. Sie wusste ohnehin nicht was genau sie sich von ihrem kleinen Ausflug versprach, aber sie brauchte dringend ihre Ruhe. Tricias überhebliche Art war anstrengend und nagte an ihrem Selbstbewusstsein, von dem sie die Hälfte anscheinend auf der Flucht aus dem Reservat zurück gelassen hatte. Sie schüttelte entschieden den Kopf, als die Bilder der Flucht sich zurück in ihr Bewusstsein drängten. Wenn sie wollten, dass sie wie ein eingebildeter Storch stolzierte, würde sie ihnen den Gefallen tun. Auch auf Lächeln würde sie verzichten. Es war ohnehin Verschwendung von Energie.

Eve sah das Licht schon aus einiger Entfernung, erfreut rannte sie die letzten Meter, bis sie die von Tristan erwähnte Steintreppe erreichte. Helles Tageslicht fiel in den dunklen Tunnel herab und erleuchtete die Stufen zur Freiheit. Zwei der massiven Stufen auf einmal nehmen rannte sie die Treppe hinauf und blieb geblendet an ihrem Ende stehen. Mit geschlossenen und vor Helligkeit tränenden Augen wandte sie sich dem Himmel zu. Warmes Sonnenlicht wärmte ihre Nase, ein leichter Wind fuhr durch ihre Haare. Sie öffnete die Augen, als sie einen Vogel kreischen hörte. Wenn sie sich nicht vollkommen irrte, rauschte in der Nähe Wasser. Sie sah sich rasch um. Die Treppe endete in einer Ruine aus hellen Steinen. Vorsichtig watete sie über die Steine hinweg und erblickte in einiger Entfernung eine grüne Wiese. Hinter der Wiese begann nach einem schlammigen Streifen Erde das weite Meer. Das helle Sonnenlicht brach sich in den Wellen, blendete sie.
Als sie den Schutt endlich hinter sich gebracht hatte schritt sie vorsichtig durch das weiche Gras bis sie den kühlen Schlamm erreichte. Ab und zu umspülte eine besonders große Welle ihre Füße. Überwältigt von dem Anblick des unendlichen Meeres blieb sie eine Zeit lang reglos stehen. Sie versuchte zu erkennen wo der Horizont ins Meer überging, beobachtete die tanzenden Wellen, sah einem vorüber fliegenden Vogel nach und ertappte sich dabei wie sie einem Krebs zu lächelte, der an ihrem Fuß vorbei eilte. Nach dem sie sich flüchtig umgesehen hatte trat sie zurück ins Gras, entledigte sich der Baumwollkleidung und watete fast andächtig in das kühle Nass. Ab und zu kitzelte sie etwas unter den Füßen. Es dauerte einige Zeit, bis das Wasser so tief wurde, dass sie schwimmen musste. Um sie herum war weit und breit nicht mehr als unendliches Wasser. Sie fühlte sich klein und unbedeutend. Und sie genoss es.

Als Eve später am Strand aufwachte und fröstelte, zog sie sich rasch ihre Sachen über. Ihre Haare waren immer noch feucht. Seufzend setzte sie sich ins Gras und beobachtete, wie die Sonne langsam am Horizont unterging und den Himmel Farbtone zwischen rosa und orange tauchte. Sie konnte sich nicht daran erinnern, wann sie zuletzt etwas derart schönes gesehen hatte. Auch als die Nacht herein brach und sie ihren Baumwollmantel enger um sich zog dachte sie nicht eine Sekunde daran zurück zu gehen. Es gab nichts, außer vielleicht ihrem knurrenden Magen, was sie in die unnatürliche Dunkelheit mit ihren seltsamen Bewohnern zog.

Sie dachte gerade über ihre Eltern nach, als sie ein eigenartiges Geräusch hörte, reagierte jedoch zu spät. Bevor sie etwas machen konnte, spürte sie etwas hartes an ihrer Schulter, etwas eiskaltes lag an ihrem Hals.
„Es wäre besser du bewegst dich nicht“, mahnte eine männliche Stimmte.

Published in: on April 11, 2010 at 9:24 vormittags  Kommentare (5)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 1

Eve sah gedankenverloren auf das weite Meer hinaus. Durch dicke, bleifarbene Wolken fielen schimmernde, goldene Sonnenstrahlen. Das dunkelgraue Meer glitzerte beinahe geheimnisvoll. Es hatte etwas Beruhigendes an sich.Ein ständiges Rauschen begleitete Eves Gedanken, die mindestens so düster und aufgewühlt wie das tiefe Gewässer waren.

Eve zog die Beine an und schlang die Arme darum, bevor sie das Kinn auf ihren Knien bettete. Der weite Ärmel ihres ehemals weißen Wollmantels rutschte herunter und gab den Blick auf einen smaragdgrünen Armreif frei. Mit leichtem Unbehagen strich sie vorsichtig über das funkelnde, zierliche Schmuckstück. Es war kalt und glatt. Und obwohl es kaum dicker als ein Grashalm war, war es absolut unzerstörbar. Mit einem Seufzen zog Eve ihren Ärmel wieder hoch, der vom ständigen daran herum Gezerre bereits vollkommen ausgeleiert war.

„Ein Unwetter zieht auf“, erklang eine ruhige, männliche Stimme hinter Eve.

Eve sprang unvermittelt auf, fuhr erschrocken herum und rutschte beinahe auf den feuchten, glitschigen Steinen aus. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Hektisch suchte sie in den großen Taschen ihres Mantels nach etwas nützlichem, fand jedoch nur ein altes, benutztes Taschentuch.

„Keine Angst“, lachte der Fremde gutmütig, an ihr vorbei auf das Meer blickend. „Siehst du den dunklen Schleier dort am Horizont? Es regnet bereits. Und wie du an der großen Wolke dort vorne sehen kannst zieht das Unwetter hier herüber. In spätestens zwei Stunden wird es hier angekommen sein“, prophezeite er und deutete mit der rechten Hand hinaus auf das Wasser. „Und es wird ein gewaltiges Unwetter“, ergänzte er nachdrücklich, bevor er sich Eve zu wandte.

Der Fremde lächelte und offenbarte eine Reihe perfekter, weißer Zähne. Seine kinnlangen, blonden Haare wehten im Küstenwind. Über einer weiten Hose, die mit Dutzenden Taschen besetzt war, trug er ein weißes Leinenhemd. Um seinen Hals hatte er einen langen, leichten Schal geschlungen, der nervös im Wind flatterte. Seine Hüften zierte lässig ein schmaler Ledergürtel, an dem ein Lederholster befestigt war. Es war leer.

Der Fremde folgte Eves ängstlichem Blick, die sich ziemlich sicher war, dass eine dazugehörige Waffe nicht allzu weit entfernt sein konnte.

„Der ist nur zur Zierde“, beschwichtigte der Fremde immer noch lächeln, mit der flachen Hand auf den Holster klopfend. Anschließend hob er demonstrativ beide Hände und drehte sich betont langsam im Kreis. „Wie du siehst sind beide Hände leer. Und über weitere verfüge ich nicht“, er zwinkerte Eve neckisch zu, als er seine Drehung vollendet hatte.

„Wenn du gestattest“, der Fremde streckte ihr unvermittelt die rechte Hand entgegen, „mein Name ist Tristan.“

Eve zupfte einige Sekunden unruhig an ihrem Ärmel, bevor sie sich schließlich dazu durchringen konnte auch ihre Hand auszustrecken. Ihr war immer noch nicht wohl zumute. Menschen trieben sich in dieser Gegend für gewöhnlich nicht herum. Aber wenn er kein Mensch war, was war er dann? Und was wollte er hier am Ende der Welt?

Ohne zu zaudern ergriff der Fremde energisch ihre Hand und schüttelte sie so heftig, dass der grüne Armreif zum Vorschein kam. Erschrocken wollte Eve ihre Hand zurück ziehen, die Tristan nur umso fester umfasste.

„Ein Mensch?“, fragte er erstaunt auf den Armreif blickend, während er ihre Hand weiterhin fest umklammerte.

„Lassen Sie mich los!“, rief Eve panisch, während sie verzweifelt versuchte ihre Hand zu befreien. Doch alles zerren, ziehen und schubsen half nichts. Ihre Hand saß fest wie in einem Schraubstock, der sich nur noch fester schloss, je mehr sie sich wandte. Sie hatte es gewusst! Fremden konnte man einfach nicht trauen!

Published in: on September 7, 2009 at 7:32 nachmittags  Kommentare (2)  
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