„Schlag doch Tricia mal vor ein paar Tomaten zu züchten, vielleicht lenkt sie das davon ab wütend auf uns zu sein“, schlug Tristan vor.
„Wieso ist sie wütend?“, Eve sah Tristan verständnislos an. „Und vor allem auf mich?“, sie konnte sich nicht daran erinnern ihr irgendetwas getan zu haben.
„Am besten fragst du auch das sie selbst.“
Walk over – Kapitel 12 – Teil 5
Walk over – Kapitel 12 – Teil 4
„Was tust du hier?“, fragte Tristan entgeistert, als sie den Gang entlang auf ihn zu kam.
„Ich hatte ein paar Tage Zeit darüber nachzudenken was ich mit meinem Leben anfangen möchte”, antwortete sie leichthin. Im Bett liegen gehörte augenscheinlich nicht dazu.
„Und was wäre das?“
„Etwas sinnvolles“, sagte sie schlicht und ertappte sich dabei wie sie auf ihr mattes Armband sah.
„Es tut mir Leid“, versicherte er.
„Aber ändern kann man es nicht, richtig?“, sie sah fragend zu ihm auf.
„Während du ohnmächtig warst haben wir ein paar Tests gemacht“, gestand er. „Es scheint nur den Armreif getroffen zu haben. Der Chip und alles andere sind in Ordnung.“
„Alles andere?“ Eve sah ein kurzes Zucken an seinem rechten Auge. „Habe ich irgendeine Chance herauszufinden was alles andere ihr noch getestet habt während ich ohnmächtig war?“ Sie sah ihn warnend an. Sie verdrehte die Augen, als er keine Miene verzog.
„Kannst du mir dann wenigstens verraten was Liebe heißt?“
„Wie bitte?“, Tristan blinzelte verwirrt.
„Du hast mich schon verstanden. Emrys fragte mich ob ich die liebe.“
„Und was hast du gesagt?“, hakte er nach.
„Nein“, antwortete sie entschieden.
„Du weißt nicht was es heißt und hast nein gesagt?“ Er zog eine Augenbraue hoch.
„Ja“, Eve nickte.
„Warum?“, Tristan sah sie neugierig an.
„Weil es die Antwort war, die er offensichtlich hören wollte. Aber was bedeutet es nun?“
„Das solltest du Tricia fragen“, sagte Tristan schlicht.
„Wieso?“
„Weil sie eine Frau ist“, er sah sie mittlerweile leicht gereizt an.
„Und Liebe ist eine Frauensache?“
„Ja“, Tristan nickte.
„Ihr Untergrundwesen seid so kompliziert“, stöhnte Eve.
„Wir sind kompliziert?“
„Ja. Ich glaube das kommt davon, dass ihr hier unten so wenig zu tun habt. Hättet ihr mehr Felder zu bestellen, Kleidung zu nähen, Essen zu machen würdet ihr euch auf andere Sachen beschränken als euch nach eurem Geschlecht und Aussehen zu beurteilen.“
Walk over – Kapitel 12 – Teil 3
Eve sah kurz zwischen Emrys und der Tür hin und her.
„Ich würde jetzt gerne gehen, wenn ich darf“, bat sie.
„Natürlich“, er zuckte mit den Schultern. „Aber überlege es dir. Ich warte nicht ewig.“
Eve nickte lächelnd, bevor sie nach der Türklinke griff.
„Hey kleine GOM“, rief Emrys leise.
Sie sah ihn milde lächelnd an.
„Eine Frage noch“, bat er.
Sie nickte.
„Liebst du ihn?“, er sah sie forschend an.
„Ob ich was?“, sie sah ihn irritiert an.
„Liebst du Tristan?“
Sie schüttelte die Augenbrauen kräuselnd den Kopf.
„Ich kenne dieses Wort nicht.“
„Du kennst keine Liebe?“, Emrys sah sie ungläubig an.
„Es gibt vieles was ich nicht kenne“, wandte Eve ein. „Und ich glaube, dass ich manches auch gar nicht herausfinden möchte.“ Immer noch kopfschüttelnd verließ sie den Raum.
Walk over – Kapitel 12 – Teil 2
Es dauerte eine Weile bis sie sich entschloss vorsichtig ihren Arm vom Gesicht zu nehmen. Schnell versteckte den Reif in ihrem Ärmel. Emrys saß immer noch auf ihrem Bett.
„Ich kann dafür sorgen, dass du den Freak nie wieder sehen musst“, versprach er mit ruhiger Stimme, seine dunklen Augen sahen sie forschend an.
„Aber das ändert nichts“, sagte sie matt und musste sich kurz räuspern, als ihre Stimme zu versagen drohte.
„Nein, es ändert nichts“, er schüttelte den Kopf. „Aber der kaputte Armreif ändert auch nichts an dem was du bist.“
Eve spürte, dass ihre Mundwinkel kurz zuckten.
„Ein wertloser Mensch unter vielen.“
„Nein“, Emrys schüttelte entschieden den Kopf. „Kein Lebewesen ist wertlos Eve. Kein Mensch, kein Mutant, kein Roboter. Und du am allerwenigsten. Du bist perfekt.“
Eve sah ihn missmutig an. Sie war nicht perfekt. Sie sah ihn verwirrt an, als er ihr schon wieder mit der Hand durch die Haare fuhr.
„Für mich bist du perfekt“, versicherte er flüsternd.
Erschrocken fuhr sie auf, als er Anstalten ihr noch näher zu kommen.
„Bleib wo du bist“, warnte sie, während sie flink die Beine über die andere Bettkante warf und aufsprang. Sie funkelte ihn wütend an.
Er blinzelte verwirrt zwischen ihr und der Stelle hin und hersehend, auf der sie soeben noch gelegen hatte.
„Ich wollte dir nicht wehtun“, versicherte er beschwichtigend die Hände hebend.
„Ich weiß“, sagte Eve entschieden.
„Ich mag dich“, er sah sie eindringlich an.
„Und ich glaube dir“, antwortete sie langsam. „Aber solange ich nicht weiß was genau du an mir magst…“
„Alles“, er sah sie verständnislos an.
„Hör zu“, Eve ging langsam um das Bett herum in Richtung Zimmertür. „Ich bin nicht perfekt. Tristan hat den Armreif manipuliert. Ich bin keine GOM. Und da ich keine bin, kann ich dir nicht helfen. Ich bin nichts besonderes.“
„GOM definieren sich nicht über Armreifen“, lachte Emrys trocken.
„Aber auch nicht über das Aussehen.“
Walk over – Kapitel 12 – Teil 1
Es roch nach Minze und Fackeln. Eve öffnete zweifelnd die Augen und fand sich in einem weichen Bett wieder. Sie brauchte einen Moment um sich daran zu erinnern was geschehen war. Ihr Kopf schmerzte. Sie versuchte gar nicht erst zu verstehen warum Emrys an ihrem Bettende saß, während Tristan neben dem Kopfende stand.
„Du bist verletzt“, brachte Eve entsetzt hervor, während sie Tristan musterte. Seine Kleidung war an mehreren Stellen blutdurchtränkt, sein Gesicht hatte einige Kratzer.
„Halb so wild“, er sah besorgt auf sie hinab. „Geht es dir gut?“
„Ich glaube schon“, antwortete sie verwirrt blinzelnd. Sie war nicht diejenige, die aussah als hätte man versucht sie durch einen Fleischwolf zu drehen.
„Bitte erschrecke nicht“, bat Tristan, während er sich langsam über sie beugte und vorsichtig nach ihrem Arm griff. „Geht es dir wirklich gut?“, fragte er noch einmal und hielt ihr ihren Arm vor das Gesicht. Eve brauchte einen Moment bis sie verstand. Sie versuchte die Augen zu schließen, konnte aber nicht so recht wegsehen. Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Augen zu machen konnte. Aber selbst vor ihrem Inneren sah sie es: Ihren Arm, den dünnen Armreif. Er war mattsilbern. Es gab keine Rasse, die silberne Armreifen trug. Er war kaputt. Sie spürte eine eiskalte Träne ihre Wange hinunter laufen.
„Hast du Schmerzen?“, fragte Tristan besorgt.
„Wie wäre es, wenn du gehst?“, schlug Emrys vor. Tristan zögerte einen Moment bevor er nickte. Eve legte ihren Arm über ihr Gesicht. Sie spürte das kühle Metall auf ihrer Haut. Früher, wenn sie geweint hatte, hatte es immer etwas tröstliches gehabt. Sie wusste, dass der Armreif ihr Halt gab. Er gab ihr das Gefühl zu etwas zu gehören. Etwas ganzem, etwas großem. Etwas großem, das in letzter Zeit, mit jedem verschwundenen Menschen ein Stückchen kleiner geworden war. Und nun war auch sie kein Teil mehr davon. Konnte es nie mehr werden. Sie spürte, dass ihr jemand sanft durch die Haare fuhr. Sie wusste nicht, ob es ihr gefiel oder nicht. Einerseits fühlte sie sich einsam, andererseits wollte sie aber auch genau das sein.
„Hab keine Angst“, hörte sie Emrys Stimme ganz nah an ihrem Ohr. Sie schluckte. Hatte sie wirklich Angst? War es das?