Walk over – Kapitel 1 – Ende

„Keine Angst“, flüsterte Tristan, während er vorsichtig ihre Hand in seine linke nahm, bevor er seine rechte Hand auf ihr Genick legte. „Nun schließe die Augen.“

„Ich hab aber Angst“, flüsterte Eve, die das leise Gefühl beschlich keine Kontrolle mehr über ihren eigenen Körper zu haben. Eine kalte Träne der Verzweiflung floss ihre Wange hinunter, als sie die Augen schloss. Sie konnte sich nicht mehr bewegen.

„Von nun an, bist du ein GOM“, sagte Tristan entschlossen.

„Was?!“, Eve sah erschrocken auf, als ein eiskalter Schmerz ihren Rücken hinunter schoss. Ihre Hand war taub. Purpurne Punkte tanzten vor ihren Augen auf und ab, bevor sich ein Schleier zwischen sie und die Welt schob. Ihr war schwindelig.

Bevor sie wusste wie ihr geschah verlor sie auf den glitschigen Steinen den Halt. Ein heftiger Schmerz fuhr durch ihren Kopf, bevor sich alles um sie herum in tiefe Dunkelheit hüllte.

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Published in: on September 8, 2009 at 6:17 nachmittags  Kommentare (2)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 5

Eve öffnete den Mund und klappte ihn gleich wieder zu, als ihr keine passende Antwort einfiel. Er hatte einfach gar keine Ahnung! Aber was sollte man schon von jemandem erwarten, der nicht einmal ein Armband trug?

„Wenn ich dich schon sprachlos mache, dann warte bis du Milow triffst“, schlug Tristan vor.

„Ihr seid Gesetzlose!“, rief Eve empört. Noch mehr Menschen ohne Armbänder? Das war wie eine Freakshow!

„Und du bist tot“, entgegnete Tristan emotionslos.

„Ich…“, Eve zögerte. Wenn sie ehrlich war, hatte er sogar Recht. Es war Fakt, dass sie von Wächtern verfolgt wurde. Und genauso bekannt war auch, dass noch nie jemand die Begegnung mit einem solchen überlebt hatte.

„Du hast Recht“, gestand sie schließlich kleinlaut.

„Danke. Womit genau?“, hakte Tristan nach.

„Zuallererst: Ich heiße nicht Elsa. Mein Name ist Eve. Ich bin ein Menschenmädchen aus Reservat x37i, aus dem in letzter Zeit immer mehr Menschen verschwanden. Wir wissen nicht wohin, wie oder gar wieso. Man wacht eines morgens auf und die eigenen Eltern sind fort. Einfach so. All ihre Sachen sind noch da. Sie hinterlegen nicht einmal eine Nachricht und lassen scheinbar alles stehen und liegen. Ich, ein paar meiner Freunde und einige Fremde, wir beschlossen zu fliehen. Viele starben noch hinter den Grenzen des Reservats. Sie verstrickten sich heillos im Stacheldraht, traten auf Minen, fielen in unsichtbare Schächte, wurden von den Wachrobotern erschossen. Es war schrecklich. Nur ich und ein paar weitere schafften es irgendwie aus der Sicherheitszone. Sicherheitszone“, Eve lachte bitter. „Man erzählte uns sie wäre da, um zu verhindern, dass jemand eindringt. In Wahrheit sollen wir bloß nicht heraus kommen“, Eve biss sich auf die Unterlippe.

„Wo sind die Anderen, Eve?“, hakte Tristan nach.

Eve zuckte mit den Schultern. „Ich habe sie aus den Augen verloren. Eines dieser fliegenden Metallaugen war uns auf den Fersen. Irgendwer schrie, sie würden die Wachroboter zu uns führen. Wir sollten uns trennen. Ich bin einfach geradeaus gerannt bis ich nicht mehr konnte. Und dann kam ich ans Meer.“

„Danke. Das war sehr tapfer von dir, Eve“, sagte Tristan mit ruhiger Stimme und sah ihr tief in die Augen. „Nun gib mir deine rechte Hand“, bat Tristan, während er einen Schritt näher trat.

Eve blinzelte verwundert, als sie zu ihm auf sah. Hatte sie ihm eben wirklich die Wahrheit gesagt? Und wieso streckte sie ihm gerade die rechte Hand aus? Sie konnte sich nicht daran erinnern ihr den Befehl dazu gegeben zu haben!

Published in: on September 8, 2009 at 5:55 nachmittags  Kommentare (2)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 4

„Diese Reaktion ist immer wieder erstaunlich“, seufzte Tristan, während er seinen Ärmeln wieder herunter zog und sorgfältig zurecht zupfte. „Als ob ich total entstellt wäre“, Tristan schüttelte bedauernd den Kopf.

„Du trägst keinen Armreif!“, rief Eve entsetzt, als sie sich wieder halbwegs gefasst hatte. Sicherheitshalber trat sie noch einen Schritt zurück.

„Du schaust als hätte ich keinen Arm“, Tristan sah die beleidigt an.

„Wie kannst du..? Ich meine… Jeder hat einen Armreif!“, Eve starrte auf Tristans Arm als könnte sie durch den Hemdärmel den nicht vorhandenen Armreif sehen.

„Ein Reservatskind“, seufzte Tristan und fuhr sich lässig durch die Haare, während er immer noch den Kopf schüttelte.

„Was bist du?!“, Eve starrte Tristan ungläubig an. Es war allgemein bekannt, dass jedes Lebewesen gleich nach der Geburt einen seiner Rasse entsprechenden Armreif enthielt und gechipt wurde.

„Ein Mensch?“, fragte Tristan zweifelnd.

„Du bist kein Mensch!“, Eve deutete mit zittrigen Fingern auf Tristan. „Du…“, ihr fehlten schlichtweg die Worte. Es war als wäre jemand ohne Nase auf die Welt gekommen. Oder eher einem noch ganz anderen wichtigen Körperteil, das zur eindeutigen Identifizierung diente. So wie ein Fingerabdruck! So war es!

Tristan seufzte erneut.

„Vielleicht hast du sogar Recht. Vielleicht bin ich gar kein Mensch“, er schien einen Moment zu überlegen, sich dann aber zu besinnen. „Was hältst du davon, wenn ich dir das Leben rette, du mich begleitest und ich dir eine Welt zeige, in der es Wesen gibt, die keine Armbänder tragen?“

„Es gibt keine Menschen ohne Armbänder!“, rief Eve hysterisch. „Es sollte sie nicht geben! Das ist falsch!“

„Es ist also in Ordnung Menschen in Schubladen zu stecken?“, Tristan sah sie zweifelnd an.

„Wir stecken Menschen nicht in Schubladen! Menschen stecken in einer Schublade!“, korrigierte Eve empört.

„Ja, in der untersten“, stimmte Tristan bitter zu.

Published in: on September 7, 2009 at 8:18 nachmittags  Kommentare (5)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 3

„Was wollen Sie von mir?“, fragte Eve zweifelnd, als der Fremde immer noch keine Anstalten machte sie zu töten.

„Eigentlich dachte ich wir reden kurz miteinander, du verrätst mir deinen Namen und für den Fall, dass du nett bist, nehme ich dich mit“, schlug er ohne zu Zögern vor. „Bevor du nun auf dumme Gedanken kommst ergänze ich lieber, dass du damit die einzigartige Gelegenheit hättest dich uns anzuschließen.“

„Mich wem anschließen?“, fragte Eve sich zweifelnd umsehend. Es schien niemand sonst hier zu sein.

„Hör zu“, jegliches Lächeln verschwand aus Tristans Gesicht. „Die Zeit läuft uns augenblicklich davon. Das Unwetter naht und Wachen streifen durch das Land auf der Suche nach einer Hand voll Menschen, die aus dem Reservat x37i entkommen sind. Du weißt hoffentlich was mit Menschen passiert, die aus einem Reservat fliehen?“, Tristan musterte sie skeptisch. Eve nickte zögerlich. Sie wusste es nur zu gut.

„Gut, also falls dir irgendwas an deinem Leben liegt, solltest du mit mir kommen“, forderte Tristan.

„Woher weiß ich..?“, Eve sah den Fremden unsicher an.

„Ob du mir trauen kannst?“, hakte er nach. Entschieden schob er seinen rechten Hemdärmel bis zum Ellenbogen hoch.

„Oh heilige GOM!“, Eve wich erschrocken zurück, das Spritzwasser ignorierend, mit dem sich ihre Hose vollsog. So etwas abnormales hatte sie noch nie gesehen!

Published in: on September 7, 2009 at 8:01 nachmittags  Kommentare (2)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 2

„Nur, wenn du mir deinen Namen verrätst“, trällerte Tristan schelmisch grinsend auf die sich windende, junge Frau hinabsehend.

„Elsa“, behauptete Eve rasch.

„Elsa?“, hakte Tristan stirnrunzelnd nach. Er betrachtete Eves Handgelenk noch einen scheinbar endlos langen Moment, bis er schließlich locker ließ.

„Nun Elsa, was treibt einen Menschen wie dich so weit weg vom sicheren Reservat?“

Eve schwieg, beschämt ihr schmerzendes Handgelenk reibend.

„Du redest nicht viel oder, Elsa?“, Tristan sah sie zweifelnd an.

„Nicht mit fremden“, murmelte Eve kurz angebunden und zog entschieden ihre Mantelärmel bis über die Handgelenke.

„Ich könnte nun beleidigt sein. Fremd“, zischte er abfällig. „Immerhin war ich so ehrlich dir meinen wahren Namen zu verraten. Wohingegen Fräulein Elsa es wohl vorzieht alleine schmollend hier am Strand zu verharren, bis das Unwetter oder die Wachen sie einholen.“

Eve verschränkte die Arme vor der Brust. Woher wollte er denn schon wissen, dass Elsa nicht ihr Name war? Oder, dass die Wachen ihr dicht auf den Fersen waren?

Es dauerte einen Moment, in dem nur das stetige Rauschen des Meeres zu hören war, bis Eve den Mund aufmachte:

„Woher wollen Sie denn wissen, dass Elsa nicht mein Name ist?“, Eve sah trotzig und fest entschlossen zu dem jungen Mann auf.

„Menschenkenntnis“, antwortete Tristan knapp. „Ich besitze genug davon, um zu sehen wenn mir jemand ins Gesicht lügt. Zumindest, wenn er es so miserabel versucht wie du. Was mich zu dem Schluss bringt, dass du nicht sonderlich geübt darin bist. Was wieder herum nur bedeuten kann, dass du es bisher nicht sehr oft getan hast, es vermutlich nicht nötig hattest. Bist vermutlich gut behütet aufgewachsen. Wahrscheinlich in einem Reservat in der Nähe. Was mich allerdings zu der Frage bringt, was du alleine hier in der Wildnis treibst. Nach Angeln sah es auf jeden Fall nicht aus.“

Eve sah den Fremden schockiert an, bevor ihre grauen Zellen sich zurück meldeten. Ein Mensch in dieser Gegend, konnte nur aus einem der Reservate stammen. Seine Schlussfolgerungen waren also keine besonderen Glanzleistungen detektivischem Gespürs. Obwohl es, wenn man ehrlich war, einem Ding der Unmöglichkeit glich hier einen lebenden Menschen anzutreffen. Denn kein Mensch sollte ein Reservat lebend verlassen, so viel hatte Eve in den letzten Stunden gelernt. Und wenn er es doch tat, waren anscheinend alle an seinem baldigem Ableben interessiert. Konnte vielleicht an dem klitzekleinen Kopfgeld von 10.000 Pearls liegen, die als Einkommen für die nächsten 2 Jahre reichten.

Published in: on September 7, 2009 at 7:44 nachmittags  Kommentare (2)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 1

Eve sah gedankenverloren auf das weite Meer hinaus. Durch dicke, bleifarbene Wolken fielen schimmernde, goldene Sonnenstrahlen. Das dunkelgraue Meer glitzerte beinahe geheimnisvoll. Es hatte etwas Beruhigendes an sich.Ein ständiges Rauschen begleitete Eves Gedanken, die mindestens so düster und aufgewühlt wie das tiefe Gewässer waren.

Eve zog die Beine an und schlang die Arme darum, bevor sie das Kinn auf ihren Knien bettete. Der weite Ärmel ihres ehemals weißen Wollmantels rutschte herunter und gab den Blick auf einen smaragdgrünen Armreif frei. Mit leichtem Unbehagen strich sie vorsichtig über das funkelnde, zierliche Schmuckstück. Es war kalt und glatt. Und obwohl es kaum dicker als ein Grashalm war, war es absolut unzerstörbar. Mit einem Seufzen zog Eve ihren Ärmel wieder hoch, der vom ständigen daran herum Gezerre bereits vollkommen ausgeleiert war.

„Ein Unwetter zieht auf“, erklang eine ruhige, männliche Stimme hinter Eve.

Eve sprang unvermittelt auf, fuhr erschrocken herum und rutschte beinahe auf den feuchten, glitschigen Steinen aus. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Hektisch suchte sie in den großen Taschen ihres Mantels nach etwas nützlichem, fand jedoch nur ein altes, benutztes Taschentuch.

„Keine Angst“, lachte der Fremde gutmütig, an ihr vorbei auf das Meer blickend. „Siehst du den dunklen Schleier dort am Horizont? Es regnet bereits. Und wie du an der großen Wolke dort vorne sehen kannst zieht das Unwetter hier herüber. In spätestens zwei Stunden wird es hier angekommen sein“, prophezeite er und deutete mit der rechten Hand hinaus auf das Wasser. „Und es wird ein gewaltiges Unwetter“, ergänzte er nachdrücklich, bevor er sich Eve zu wandte.

Der Fremde lächelte und offenbarte eine Reihe perfekter, weißer Zähne. Seine kinnlangen, blonden Haare wehten im Küstenwind. Über einer weiten Hose, die mit Dutzenden Taschen besetzt war, trug er ein weißes Leinenhemd. Um seinen Hals hatte er einen langen, leichten Schal geschlungen, der nervös im Wind flatterte. Seine Hüften zierte lässig ein schmaler Ledergürtel, an dem ein Lederholster befestigt war. Es war leer.

Der Fremde folgte Eves ängstlichem Blick, die sich ziemlich sicher war, dass eine dazugehörige Waffe nicht allzu weit entfernt sein konnte.

„Der ist nur zur Zierde“, beschwichtigte der Fremde immer noch lächeln, mit der flachen Hand auf den Holster klopfend. Anschließend hob er demonstrativ beide Hände und drehte sich betont langsam im Kreis. „Wie du siehst sind beide Hände leer. Und über weitere verfüge ich nicht“, er zwinkerte Eve neckisch zu, als er seine Drehung vollendet hatte.

„Wenn du gestattest“, der Fremde streckte ihr unvermittelt die rechte Hand entgegen, „mein Name ist Tristan.“

Eve zupfte einige Sekunden unruhig an ihrem Ärmel, bevor sie sich schließlich dazu durchringen konnte auch ihre Hand auszustrecken. Ihr war immer noch nicht wohl zumute. Menschen trieben sich in dieser Gegend für gewöhnlich nicht herum. Aber wenn er kein Mensch war, was war er dann? Und was wollte er hier am Ende der Welt?

Ohne zu zaudern ergriff der Fremde energisch ihre Hand und schüttelte sie so heftig, dass der grüne Armreif zum Vorschein kam. Erschrocken wollte Eve ihre Hand zurück ziehen, die Tristan nur umso fester umfasste.

„Ein Mensch?“, fragte er erstaunt auf den Armreif blickend, während er ihre Hand weiterhin fest umklammerte.

„Lassen Sie mich los!“, rief Eve panisch, während sie verzweifelt versuchte ihre Hand zu befreien. Doch alles zerren, ziehen und schubsen half nichts. Ihre Hand saß fest wie in einem Schraubstock, der sich nur noch fester schloss, je mehr sie sich wandte. Sie hatte es gewusst! Fremden konnte man einfach nicht trauen!

Published in: on September 7, 2009 at 7:32 nachmittags  Kommentare (2)  
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