Eve sah gedankenverloren auf das weite Meer hinaus. Durch dicke, bleifarbene Wolken fielen schimmernde, goldene Sonnenstrahlen. Das dunkelgraue Meer glitzerte beinahe geheimnisvoll. Es hatte etwas Beruhigendes an sich.Ein ständiges Rauschen begleitete Eves Gedanken, die mindestens so düster und aufgewühlt wie das tiefe Gewässer waren.
Eve zog die Beine an und schlang die Arme darum, bevor sie das Kinn auf ihren Knien bettete. Der weite Ärmel ihres ehemals weißen Wollmantels rutschte herunter und gab den Blick auf einen smaragdgrünen Armreif frei. Mit leichtem Unbehagen strich sie vorsichtig über das funkelnde, zierliche Schmuckstück. Es war kalt und glatt. Und obwohl es kaum dicker als ein Grashalm war, war es absolut unzerstörbar. Mit einem Seufzen zog Eve ihren Ärmel wieder hoch, der vom ständigen daran herum Gezerre bereits vollkommen ausgeleiert war.
„Ein Unwetter zieht auf“, erklang eine ruhige, männliche Stimme hinter Eve.
Eve sprang unvermittelt auf, fuhr erschrocken herum und rutschte beinahe auf den feuchten, glitschigen Steinen aus. Ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Hektisch suchte sie in den großen Taschen ihres Mantels nach etwas nützlichem, fand jedoch nur ein altes, benutztes Taschentuch.
„Keine Angst“, lachte der Fremde gutmütig, an ihr vorbei auf das Meer blickend. „Siehst du den dunklen Schleier dort am Horizont? Es regnet bereits. Und wie du an der großen Wolke dort vorne sehen kannst zieht das Unwetter hier herüber. In spätestens zwei Stunden wird es hier angekommen sein“, prophezeite er und deutete mit der rechten Hand hinaus auf das Wasser. „Und es wird ein gewaltiges Unwetter“, ergänzte er nachdrücklich, bevor er sich Eve zu wandte.
Der Fremde lächelte und offenbarte eine Reihe perfekter, weißer Zähne. Seine kinnlangen, blonden Haare wehten im Küstenwind. Über einer weiten Hose, die mit Dutzenden Taschen besetzt war, trug er ein weißes Leinenhemd. Um seinen Hals hatte er einen langen, leichten Schal geschlungen, der nervös im Wind flatterte. Seine Hüften zierte lässig ein schmaler Ledergürtel, an dem ein Lederholster befestigt war. Es war leer.
Der Fremde folgte Eves ängstlichem Blick, die sich ziemlich sicher war, dass eine dazugehörige Waffe nicht allzu weit entfernt sein konnte.
„Der ist nur zur Zierde“, beschwichtigte der Fremde immer noch lächeln, mit der flachen Hand auf den Holster klopfend. Anschließend hob er demonstrativ beide Hände und drehte sich betont langsam im Kreis. „Wie du siehst sind beide Hände leer. Und über weitere verfüge ich nicht“, er zwinkerte Eve neckisch zu, als er seine Drehung vollendet hatte.
„Wenn du gestattest“, der Fremde streckte ihr unvermittelt die rechte Hand entgegen, „mein Name ist Tristan.“
Eve zupfte einige Sekunden unruhig an ihrem Ärmel, bevor sie sich schließlich dazu durchringen konnte auch ihre Hand auszustrecken. Ihr war immer noch nicht wohl zumute. Menschen trieben sich in dieser Gegend für gewöhnlich nicht herum. Aber wenn er kein Mensch war, was war er dann? Und was wollte er hier am Ende der Welt?
Ohne zu zaudern ergriff der Fremde energisch ihre Hand und schüttelte sie so heftig, dass der grüne Armreif zum Vorschein kam. Erschrocken wollte Eve ihre Hand zurück ziehen, die Tristan nur umso fester umfasste.
„Ein Mensch?“, fragte er erstaunt auf den Armreif blickend, während er ihre Hand weiterhin fest umklammerte.
„Lassen Sie mich los!“, rief Eve panisch, während sie verzweifelt versuchte ihre Hand zu befreien. Doch alles zerren, ziehen und schubsen half nichts. Ihre Hand saß fest wie in einem Schraubstock, der sich nur noch fester schloss, je mehr sie sich wandte. Sie hatte es gewusst! Fremden konnte man einfach nicht trauen!