Eve sah kurz zwischen Emrys und der Tür hin und her.
„Ich würde jetzt gerne gehen, wenn ich darf“, bat sie.
„Natürlich“, er zuckte mit den Schultern. „Aber überlege es dir. Ich warte nicht ewig.“
Eve nickte lächelnd, bevor sie nach der Türklinke griff.
„Hey kleine GOM“, rief Emrys leise.
Sie sah ihn milde lächelnd an.
„Eine Frage noch“, bat er.
Sie nickte.
„Liebst du ihn?“, er sah sie forschend an.
„Ob ich was?“, sie sah ihn irritiert an.
„Liebst du Tristan?“
Sie schüttelte die Augenbrauen kräuselnd den Kopf.
„Ich kenne dieses Wort nicht.“
„Du kennst keine Liebe?“, Emrys sah sie ungläubig an.
„Es gibt vieles was ich nicht kenne“, wandte Eve ein. „Und ich glaube, dass ich manches auch gar nicht herausfinden möchte.“ Immer noch kopfschüttelnd verließ sie den Raum.
Walk over – Kapitel 12 – Teil 3
Walk over – Kapitel 11 – Teil 1
Eve saß auf dem Rand einer samtenen Couch und blickte auf einen niedrigen Tisch. Eine Schüssel voll Obst und eine Pralinenschachtel lenkten ihre Aufmerksamkeit abwechselnd auf sich. Beides hatte es im Reservat nicht gegeben. Sie verzichtete darauf auch nur eines von beidem anzurühren und ließ den Blick erneut durch das Zimmer schweifen. Die Wände waren aus grobem Naturstein, der Boden aus buntem Mosaik. Erhellt wurde es von mehreren flackernden Fackeln, die eine angenehme Alternative zu den ewigen Neonröhren boten. Es gab neben der Couch einen bequemen, altmodischen Ohrensessel, ein Himmelbett, einen Kleiderschrank und einen Schreibtisch. Es war zweifelsohne ein hübsches, wenn auch wahnsinnig altmodisches Zimmer. Dennoch war sie hier nichts weiter als eine Gefangene. Sobald sie das Zimmer verließ verband man ihr die Augen. Emrys entschuldigte seine Vorsichtsmaßnahme, weil er meinte man könne niemandem trauen. Sollte sie sich entscheiden sich den GOM zum Fraß vorzuwerfen sollte sie möglichst wenig über den Untergrund wissen.
Eve seufzte. Wenn sie sich für das entschied, was sie sich wirklich wünschte – ein Zuhause – verriet sie nicht die nur GOM, sondern auch die Menschen, die aus den Reservaten entführt wurden. Menschen wie ihre Eltern. Und zurück blieben verwirrte und verängstigte Kinder. Kinder ohne Zuhause, denn ein Ort an dem Menschen verschwanden war kein sicherer Ort. Ein unsicherer Ort konnte unmöglich ein wahres Zuhause sein.
Wenn sie jedoch versagte, dann würde alles weitergehen wie bisher. Wenn die Wahrscheinlichkeit für ihr Versagen so hoch war, sollte sie es dann überhaupt versuchen? Machte ihr Versuch dann überhaupt einen Unterschied? Sie seufzte erneut.
Natürlich machte es einen Unterschied. Es machte einen Unterschied, weil…
Sie schreckte aus ihren Gedanken auf, als jemand an der Tür klopfte.
„Ja?“, sie sprang erschrocken auf.
Walk over – Kapitel 10 – Teil 3
Eve sah noch wie er den Kopf in den Nacken warf, bevor sein Gesicht sich seltsam deformierte.
„Heilige GOM“, hauchte Eve verstört, als sich die Nase des Fremden von alleine zu brechen schien. Ein seltsames Knacken erklang, als sich die Gelenke verzogen und bogen, seine zu klein gewordene Haut abplatzte um einem dichten, dunklen Fell Platz zu machen. Eve schluckte trocken.
„Es ist jetzt genug Emrys“, sagte der Alte bedächtig. „Hier drinnen ist doch gar nicht genug Platz.“
Eve sah hektisch zwischen dem alten Mann und dem seltsamen Emrys hin und her, der plötzlich in der Bewegung zu erstarren schien. Eve schloss angewidert die Augen als das seltsame Schauspiel sich rückgängig machte, bevor ihr wieder der junge Mann gegenüber stand. Zitternd stützte er sich auf dem Tisch ab, bevor er sich wieder gefasst hatte. Er sah Eve abschätzend an.
„Ich schätze wir verstehen uns?“, er sah sie mahnend an. Eve nickte einmal andeutungsweise. Er lächelte.
Eve starrte auf die glänzende Tischplatte vor sich. Wenn es keine Märchen gab, dann war er…
„Ein Mutant“, sagte Eve kaum hörbar. Sie dachte noch einen Moment nach, bevor sie entschlossen zu ihm aufsah.
„Hören Sie“, bat Eve. „Wenn Sie ein Mutant sind, dann befinden wir uns hier im Untergrund richtig? Ich bin hier um Ihnen zu helfen.“
„Wie möchtest du uns denn helfen kleine GOM?“, der Fremde sah sie belustigt an.
„Tristan bat mich die GOM vor einer Invasion zu warnen.“
„Tristan“, stöhnte der Fremde und verdrehte theatralisch die Augen.
„Sie kennen Tristan?“, fragte Eve hoffnungsvoll.
„Wer nicht?“, der Fremde blickte einen Moment zerknirscht ins Nichts. „Und seine Wahnvorstellung der Oberwelt zu helfen. Hör zu Kleine“, der Fremde sah sie einfühlsam an. „Nicht alle teilen Tristans Meinung. Unseretwegen können die Kyborgs alle Menschen übernehmen die sie finden können und die GOM bekämpfen bis ihnen das Schmieröl ausgeht. Wenn es dort oben einen Krieg gibt ist das nicht unserer. Die GOM sind auch nie auf die Idee gekommen uns zu unterstützen. Im Gegenteil. Würden Sie einen von uns in die Finger kriegen würden sie keine Sekunde zögern…“
„Wenn die Kyborgs die GOM stürzen, was hindert sie daran danach alle im Untergrund zu vernichten?“, hakte Eve zweifelnd nach.
„Du liebenswerte kleine GOM klingst wie Tristan“, brachte der Fremde angewidert hervor.
„Wirklich?“, Eve schnitt eine Grimasse.
„Hör zu“, der Fremde setzte sich wieder auf seinen Stuhl. „Wenn du diesen Irrsinn mitmachen möchtest werden wir dich nicht davon abhalten. Versuch mit den GOM zu reden. Oder lass es. Keiner von uns wird dich zwingen. Im Gegenteil. Solltest du dich dafür entscheiden meine Freundin zu sein, werden wir dich beschützen. Vor Robotern, Kyborgs und wenn es sein muss vor Irren wie Tristan. Was sagst du dazu?“
Eve sah ihn irritiert an.
Walk over – Kapitel 10 – Teil 2
Eve blinzelte. Wie konnte sie wissen ob er Freund oder Feind war, wenn sie nicht einmal wusste wo sie hier war?
„Sag mir wer du bist, dann sag ich dir wer ich bin“, sagte Eve entschieden. Sein Lachen verwunderte sie, denn sie hatte es vollkommen ernst gemeint. Woher sollte sie wissen wie sie zum ihm stand, wenn sie nicht wusste wer er war?
„Netter Versuch, Kleines.“
„Wenn du nicht möchtest, dass er dir den Kopf abbeißt sei nett zu uns“, tadelte eine männliche Stimme links von ihr. Eve erkannte einen älteren Mann mit Halbglatze, dickem Bart und der gleichen seltsamen Kleidung.
Sie sah den Mann ihr gegenüber abschätzend an.
„Glaub ihm“, der Mann stand auf, eine Hand auf die kühle Tischplatte gestützt. „Schon einmal etwas vom Kamtschatka-Braunbär gehört?“
Eve schüttelte den Kopf.
„Tiere sind nicht mein Spezialgebiet“, gestand sie widerstrebend.
„Wenn du möchtest, dass es dabei bleibt, sei lieb zu mir“, sagte der Fremde mit ruhiger Stimme.
Eve kräuselte die Augenbrauen.
„Also?“, er sah Eve eindringlich an.
„Also was?“, fragte Eve nach einigen Minuten Schweigens.
„Möchte die kleine GOM nun meine Freundin sein?“, fragte er betont langsam.
„Hören Sie“, Eve sah ihn verunsichert an. „Ich bin keine GOM.“
„Verarsch mich nicht!“, der Fremde schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. Eve starrte entsetzt auf eine tiefe Delle in dem massiven Metall.
„Noch eine Lüge und du lernst mich kennen“, warnte der Fremde mit einem seltsamen Vibrieren in der Stimme.
Eve schluckte.
„Also? Wieso läuft eine GOM in Reservatskleidung auf unserem Gebiet herum?“, hakte er mühsam beherrscht nach.
„Auf Ihrem Gebiet?“, Eve blickte immer noch fasziniert auf die Delle im Tisch.
„In Ordnung! Sie hat es nicht anders gewollt!“, rief der Fremde erbost.
„Emrys nicht doch“, sagte der Alte links von Eve mit ruhiger Stimme.
Eve versuchte erschrocken aufzuspringen, als der Fremde mit ohrenbetäubender Stimme brüllte. Daraus wurde jedoch nicht mehr als ein ungeschicktes Stolpern, als sie feststellen musste, dass sie an den Stuhl gefesselt war auf dem sie saß.
Eve starrte den Fremden entsetzt an, als eine Finger sich in den Metalltisch bohrten als sei er aus Butter.
Seine Fingerknöchel traten weiß hervor, durch dicke blaue Adern pulsierte das Blut.
Eve blinzelte. Wie konnte sie wissen ob er Freund oder Feind war, wenn sie nicht einmal wusste wo sie hier war?
„Sag mir wer du bist, dann sag ich dir wer ich bin“, sagte Eve entschieden. Sein Lachen verwunderte sie. Sie hatte es vollkommen ernst gemeint. Woher sollte sie wissen wie sie zum ihm stand, wenn sie nicht wusste wer er war?
„Netter Versuch, Kleines.“
„Wenn du nicht möchtest, dass er dir den Kopf abbeißt sei nett zu uns“, tadelte eine männliche Stimme links von ihr. Eve erkannte einen älteren Mann mit Halbglatze, dickem Bart und der gleichen seltsamen Kleidung.
Eve sah den Mann ihr gegenüber abschätzend an.
„Glaub ihm“, der Mann stand auf, eine Hand auf die kühle Tischplatte gestützt. „Schon einmal etwas vom Kamtschatka-Braunbär gehört?“
Eve schüttelte den Kopf.
„Tiere sind nicht mein Spezialgebiet“, gestand sie widerstrebend.
„Wenn du möchtest, dass es dabei bleibt, sei lieb zu mir“, sagte der Fremde mit ruhiger Stimme.
Eve kräuselte die Augenbrauen.
„Also?“, er sah Eve eindringlich an, während er sich mit den Händen auf die Tischplatte stützte.
„Also was?“, fragte Eve nach einigen Minuten Schweigens.
„Möchte die kleine GOM nun meine Freundin sein?“, fragte er betont langsam.
„Hören Sie“, Eve sah ihn verunsichert an. „Ich bin keine GOM.“
„Verarsch mich nicht!“, der Fremde schlug wütend mit der Faust auf den Tisch. Eve starrte entsetzt auf eine tiefe Delle in dem massiven Metall.
„Noch eine Lüge und du lernst mich kennen“, warnte der Fremde mit einem seltsamen Vibrieren in der Stimme.
Eve schluckte.
„Also? Wieso läuft eine GOM in Reservatskleidung auf unserem Gebiet herum?“, hakte er mühsam beherrscht nach.
„Auf Ihrem Gebiet?“, Eve blickte immer noch auf die Delle im Tisch.
„In Ordnung! Sie hat es nicht anders gewollt!“, rief der Fremde erbost.
„Emrys nicht doch“, sagte der Alte links von Eve mit ruhiger Stimme.
Eve versuchte erschrocken aufzuspringen, als der Fremde mit ohrenbetäubender Stimme brüllte. Daraus wurde jedoch nicht mehr als ein ungeschicktes Stolpern, als sie feststellen musste, dass sie an den Stuhl gefesselt war auf dem sie saß.
Eve starrte den Fremden entsetzt an, als eine Finger sich in den Metalltisch bohrten als sei er aus Butter.
Walk over – Kapitel 8 – Ende
„Wäre dir ein Mann lieber gewesen?“, Eve sah ihn zweifelnd an.
„Ja und Tricia mit Sicherheit auch“, antwortete er schließlich knapp, während er zu seiner Schwester hinüber sah.
„Und wenn ihr noch jemand anderen sucht?“, schlug Eve vor. „Vielleicht findet ihr noch wen. Viele aus meinem Reservat haben versucht zu fliehen. Es ist doch eher unwahrscheinlich, dass ich die einzige Überlebende bin oder?“
„Es ist zu spät Eve“, Tristan sah sie kurz mitleidig an, bevor er versuchte zu lächeln. „Glaube mir, du bist perfekt für diese Aufgabe.“
„Und wenn wider erwarten alles gut geht? Wenn die GOM mir glauben und ich nicht sterbe, was wird dann aus mir?“
„Du bist einer von ihnen“, sagte er immer noch mitleidig lächelnd. „Du wirst als einer von ihnen leben. In einer ihrer reichen Städte, unter all den anderen perfekten, schönen GOM. Du wirst ein wundervolles, erfülltes Leben haben.“
„Und ihr?“
„Wir bleiben hier.“
„Wow“, Eve verdrehte die Augen. „Ich kann mir gar nicht vorstellen wie berauschend das sein wird. Ein Leben unter lauten Fremden, die mich nicht haben wollen“, Eve sah zu Tricia hinüber, die nun auf Milows Schoß vor dem Feuer saß. Sie sah zufrieden aus. Eve seufzte. Sie konnte sich nur allzu gut vorstellen wie so ein Leben verlaufen würde.
Walk over – Kapitel 6
„Noemi Schatz, kommst du bitte hier herüber“, bat der Mann hinter dem Tresen sichtlich verängstigt. Noemi nickte entschieden, bevor sie sich zu ihm gesellte. Eve sah aus dem Augenwinkel wie der Verkäufer schützend den Arm um die Hüfte der jungen Frau legte.
„Eve“, Tristan sah sie beruhigend an. „Es geht hier nicht nur um uns. Es geht um die GOM und die Menschen. Um nicht zu sagen, um die gesamte Menschheit.“
„Ja, bitte!“, Eve sah Tristan auffordernd an. „Weiter!“
„Deine Eltern und viele Menschen sind aus den Reservaten verschwunden, erinnerst du dich?“
„Ich bin nicht debil!“
„Wir glauben, dass es eine Verschwörung gibt. Immer mehr Menschen verschwinden. Anscheinend werden sie von den Robotern entführt. Den Robotern und vor allem den Kyborgs scheint es nicht mehr sonderlich zu gefallen lediglich die Handlanger für die GOM zu spielen.“
„Was geht mich das an?“, Eve versuchte tief durch zu atmen, um ihren rasenden Puls unter Kontrolle zu bringen.
„Eve, sie bauen eine Armee auf. Sie wollen die GOM stürzen“, sagte Tristan möglichst einfühlsam.
„Und?!“
„Ich verstehe ja, dass du kein Anhänger der GOM bist, das sind wir hier unten auch nicht. Wirklich nicht. Aber wenn die Kyborgs oder Roboter erst die Herrschaft haben dürfte es noch um einiges unbequemer werden. Sie sind stärker, intelligenter, unbarmherziger…“
„Tristan? Könntest du bitte zu dem Punkt kommen, an dem ich gebraucht werde?!“
„Wir brauchen jemanden, den wir bei den GOM einschleusen können. Wir brauchen jemanden, der sie warnt, bevor sie – stolz wie sie sind – einfach überrannt werden.“
„Weiter?“, Eve verengte die Augen zu engen Schlitzen.
„GOM hören nur auf GOM, sie sind zu überheblich mit jemandem wie uns auch nur zu reden. Wir wären tot, bevor wir auch nie Gelegenheit dazu hätten ein Wort mit ihnen zu wechseln.“
„Und wieso bist du dir so sicher, dass sie jemanden wie mich nicht genauso schnell umbringen?“, Eve brauchte Tristan nur einen Sekundenbruchteil anzusehen, bevor sie die Antwort wusste.
„Wow“, Eve schluckte. „Du hast mich also vor den Wächtern gerettet, um mich den GOM vorzuwerfen. Das ist nett.“ Eve konnte nicht verhindern, dass sie einen Moment lang mit offenem Mund nach Luft schnappte. Sie hörte beinahe wie ihr Gehirn arbeitete, ihr Gedankenfetzen durch den Kopf sausten und dennoch konnte sie keinen einzigen klaren Gedanken fassen.
„Eve“, bat Tristan vorsichtig. „Sag doch etwas?“, er versuchte ihr in die Augen zu sehen.
„Ja Tristan“, Eve sah auf und lächelte entschieden an. „Für so etwas hat mir meine Mutter genau die richtigen Worte beigebracht.“
Sie sah noch eine Sekunde in Tristans zweifelndes Gesicht, bevor sie das tat, wonach ihr war.
„Du kannst mich mal!“, rief sie entschieden, bevor sie ihm wütend sie Klamotten entgegen warf und rückwärts aus dem Raum stürzte.
Walk over – Kapitel 6 – Teil 3
„So ihr Lieben, ich habe die perfekte Kleidung für eine angehende GOM“, versicherte die Fremde, bevor sie mit einem Stapel Kleidung auf dem Arm zurück kam. „Und noch dazu eine, die aussieht wie Schneewittchen“, seufzte sie, bevor sie Eve den kompletten Stapel in die Arme drückte.
„Wie wer?“, Eve sah zweifelnd auf die Anziehsachen in ihren Händen. Sie rochen ein wenig staubig.
„Ein Märchen, Liebes“, erklärte die Fremde einfühlsam. „Haut weiß wie Schnee, Lippen so rot wie Blut, Haare schwarz wie Ebenholz? Die schönste Frau im ganzen Land?“ Sie seufzte, als Eve lediglich den Kopf schüttelte. Sie hatte im Reservat viele Märchen gehört, aber keines davon handelte von schönen Menschen. „Tristan, Tristan“, die Fremde schüttelte erneut den Kopf.
„Noemi, könntest du unsere Kunden bitte nicht so verunsichern?“, lachte der Mann hinter dem Tresen. Er hatte die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt und bettete den Kopf auf seine Hände, während er belustigt zu ihnen hinüber sah.
„Kunden?“, die Fremde namens Noemi sah ihn ungläubig an. „Selbstverständlich werden wir ihr die Kleidung schenken. Das ist das mindeste, was wir tun können um sie bei ihrer Mission zu unterstützten.“
„Welcher Mission?“, fragte Eve irritiert.
„Liebes, hat dir Tristan nicht gesagt wozu sie eine GOM brauchen?“, hakte Noemi verunsichert nach, Tristans Zischen missachtend.
„Nein“, Eve sah Noemi fragend an. Auch ihr war Tristans Zischen nicht entgangen. Sie sah aus dem Augenwinkel, wie er seine Hand zu einer Faust ballte, bis die Knochen weiß hervortraten.
„Tristan, Tristan“, Noemi sah ihn strafend an.
Tristan sah Noemi an, als wolle er sie notfalls gewaltsam dazu zwingen den Mund zu halten.
„Tristan“, trällerte Eve zuckersüß. „Möchtest du mir nicht sagen, wozu ihr unbedingt eine GOM braucht?“
„Nicht jetzt“, er sah sie entschieden an.
„Doch jetzt!“, Eve konnte sich mühsam beherrschen. „Wieso hast du mich dort draußen gerettet? Wozu hast du“, sie zog ruckartig ihren Ärmel nach hinten, bis ihr pinkfarbener Armreifen deutlich sichtbar im Zwielicht des Raumes funkelte, „das getan?!“
Walk over – Kapitel 5 – Teil 2
„Äußerst selten“, er sah wieder ins Feuer. Nur ein kurzes Zucken unter seiner Gesichtshaut verriet, dass er über irgendetwas nachdachte. „Auch nach vielen Jahren hier im Untergrund bevorzugte meine Mutter stets vornehme Zurückhaltung.“
„War sie schön?“, platzte es plötzlich aus Eve heraus.
Tristan nickte geistesabwesend.
„Sie war eine Sio. Ein synthetisch-intelligenter Organismus“, erklärte er auf Eves fragenden Blick hin, bevor er ungeduldig die Augen verdrehte. „Was lehren die euch in euren Reservaten eigentlich?“, fragte er genervt.
„Kochen, Nähen, Feldarbeit“, begann Eve aufzuzählen, bis sie Tristans vernichtender Blick zum Schweigen brachte.
„Sios waren die GOMs der ersten Stunde. Auserwählte, reiche Menschen zeugten ihre Kinder nicht mehr selbst, sondern ließen sich optisch und genetisch perfekte Kinder nach ihren Wünschen züchten – für eine Menge Geld versteht sich. Das war wenige Jahre nach dem Jahr Null, dem Jahr in dem man den menschlichen Gencode fast vollkommen entschlüsselt hatte.“
„Wieso fast vollkommen?“, hakte Eve nach.
„Weil selbst heute noch ab und an ungewollte Muster im DNA-Raster auftreten. Mutationen. Ziemlich lästig möchte man meinen. Alle Sios wurden damals Invitro erzeugt. Die Heranzucht eines Sios dauerte ganze zwölf Monate. Mittlerweile gibt es mehr Goms, die auf natürliche Weise entstehen. Durch die Paarung zweier…“, Tristan brach den Satz ab, als er Eves verstörtes Gesicht bemerkte.
„Was soll das heißen: Auf natürliche Weise?“, Eve zog die Augenbrauen zusammen. Die Aufzucht in Zuchtanstalten war die natürliche Weise. Tristan blinzelte sie verwirrt an.
„Bienchen und Blümchen?“, hakte er nach. Eve runzelte lediglich die Stirn.
„Was ist Bienchen?“, sie sah ihn zweifelnd an.
„Du weißt nicht was eine Biene ist? Eine Honigbiene?“, Tristan sah sie forschend an, bis er schallend zu lachen begann. „Und du weißt nicht, wie Menschen sich fortgepflanzt haben bevor es die Zuchtanstalten gab?“
Eve schüttelte Kopf. Sie war verwirrt.
„Ich werde es dir nicht verraten“, schwor er immer noch lachend. „Aber ich würde zu gerne dein Gesicht sehen, wenn du es eines Tages herausfindest. Obwohl…“, er stockte.
„Obwohl – was?“, hackte sie skeptisch nach. Da war er wieder! Dieser mitleidige Blick.
Walk over – Kapitel 5- Teil 1
Als Eve schließlich aufwachte tat ihr alles weh. Sie hatte das unschöne Gefühl, dass sich die Sprungfedern der durchgelegenen Matratze in jeden einzelnen Zentimeter ihres Körpers gebohrt hatten. Ein Stöhnen unterdrückend drehte sie sich herum und blickte in Tristans Gesicht. Er saß immer noch an genau der selben Stelle, hatte die Beine ausgestreckt und sah zu ihr herüber. Sie war sich nicht sicher, wie sie seinen Blick deuten sollte. Er lag irgendwo zwischen Besorgnis, Unsicherheit oder vielleicht auch einfach Mitleid.
Im Zwielicht des Raumes, vor dem flackernden Feuer, klang seine Geschichte immer noch absurd, aber weniger abwegig. Auch wenn sie in ihrem ganzen Leben noch keinen GOM gesehen hatte glaubte sie gerne daran, dass sie ihm rein optisch ähnelten.
Tristan musterte sie noch einen Moment kritisch, bis er sich seufzend wieder dem Feuer zuwandt.
„Du musst noch viel lernen“, sagte er schließlich.
„Zum Beispiel“, Eve sah ihn skeptisch an, während sie sich mühsam aufsetzte. Alles tat ihr weh, sogar ihr Gesicht.
„Zum Beispiel zu schlafen ohne dabei mit den Zähnen zu knirschen“, erwiderte er barsch.
„Oh“, das erklärte natürlich einiges…
„GOMs knirschen nicht mit den Zähnen, sie schnarchen auch nicht. Und nie im Leben würden sie jemanden mit offenem Mund anstarren.“
„Oh“, machte Eve erneut und klappte schnellstmöglich den Mund zu. „Aber woher weißt du das alles?“, hakte sie nach. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein solch anmutiges Geschöpf wie ein GOM im dunklen und dreckigen Untergrund umher kroch.
„Hast du mir nicht zugehört?“, Tristan sah sie tadelnd an. Eve versuchte entschuldigend zu lächeln. „Und sie lächeln nicht“, ergänzte er unwirsch. „Das gibt Falten in ihren makellosen Gesichtern.“
„Sie lächeln niemals?“, Eve musste sich daran erinnern den Mund geschlossen zu halten, bevor sich ihr Unterkiefer wieder verselbstständigte. Das klang absurd.
Walk over – Kapitel 3 – Teil 4
Sie hatte in der Vergangenheit nicht sehr oft mit Tieren zu tun gehabt. Erst Recht nicht mit lebenden. Und schon gar keinen Säugetieren mit sechs Beinen.
„Was genau erwartet mich hier unten noch?“, Eve konnte nicht leugnen, dass ein gewisses Unbehagen in ihr aufstieg. Es begann sich von den nassen Füßen aus auszubreiten, kroch wie eine Kletterpflanze in ihr hoch und endete in der Gänsehaut an ihrem Nacken.
„Alles wovor man euch Menschen in euren Reservaten immer gewarnt hat: Halbwesen, Mutanten, Roboter, wilde Tiere. Aber glaub mir: Nichts hier unten ist so absolut tödlich wie die Wächter dort oben.“
Eve rümpfte die Nase. Welch rosige Aussichten!
„Aber wenn du Recht hast und die mich nun für einen GOM halten, dann könnte ich doch rein theoretisch…“, überlegte Eve laut und brach mitten im Satz ab, als sich Tristan schlagartig zu ihr herum drehte.
„Ja, dann kannst du was?“, fragte Tristan lauernd.
„Ich meine…“, stotterte Eve verunsichert. Das wackelnde Licht ließ Tristans funkelnde Augen beinahe noch unheilvoller erscheinen.
Tristen schüttelte seufzend den Kopf.
„Wenn du ehrlich bist, hast du doch gar keine Ahnung was ein GOM ist“, behauptete Tristan. „Du weißt nicht wo und wie sie leben. Wie du zur nächsten Siedlung kommst. Wie sie reden. Wie sie sich verhalten.“
„Aber du hast doch gesagt, ich könnte als einer von ihnen durchgehen“, hakte Eve nach.
„Du könntest“, stimmte Tristan zu. „Du hast das Aussehen dazu, aber von dem Benehmen und dem Auftreten bist du GOM-Jahre entfernt.“
Eve hätte Lügen müssen, um zu behaupten, dass sie sich nicht gekränkt fühlte. Woher sollte sie denn wissen, wie sich ein GOM typischerweise benahm? Es war ja nicht so, dass sich in den letzten Jahren auch nur einer von ihnen in das Reservat verlaufen hatte. Im Gegenteil! Es liefen schon Wetten, ob es sich bei den GOM nicht vielleicht um urbane Mythen handelte.
„Ich habe dich nicht gerettet, um dich gleich wieder an die Raubkatzen zu verfüttern“, erklärte Tristan mit sanfter Stimme, als er Eves zerknittertes Gesicht sah.
Die nächsten Stunden liefen sie stillschweigend durch die Dunkelheit des Untergrundes. Nach einiger Zeit glaubte Eve sich daran gewöhnt zu haben. An das wackelnde Zwielicht der Lampen, die tanzenden Schatten, das plätschernde Tröpfeln, das leise Getrappel zu vieler Pfoten auf dem harten Betonboden, den eigenartigen Geruch…