Walk over – Kapitel 12 – Teil 1

Es roch nach Minze und Fackeln. Eve öffnete zweifelnd die Augen und fand sich in einem weichen Bett wieder. Sie brauchte einen Moment um sich daran zu erinnern was geschehen war. Ihr Kopf schmerzte. Sie versuchte gar nicht erst zu verstehen warum Emrys an ihrem Bettende saß, während Tristan neben dem Kopfende stand.

„Du bist verletzt“, brachte Eve entsetzt hervor, während sie Tristan musterte. Seine Kleidung war an mehreren Stellen blutdurchtränkt, sein Gesicht hatte einige Kratzer.

„Halb so wild“, er sah besorgt auf sie hinab. „Geht es dir gut?“

„Ich glaube schon“, antwortete sie verwirrt blinzelnd. Sie war nicht diejenige, die aussah als hätte man versucht sie durch einen Fleischwolf zu drehen.

„Bitte erschrecke nicht“, bat Tristan, während er sich langsam über sie beugte und vorsichtig nach ihrem Arm griff. „Geht es dir wirklich gut?“, fragte er noch einmal und hielt ihr ihren Arm vor das Gesicht. Eve brauchte einen Moment bis sie verstand. Sie versuchte die Augen zu schließen, konnte aber nicht so recht wegsehen. Es dauerte einige Sekunden, bis sie die Augen zu machen konnte. Aber selbst vor ihrem Inneren sah sie es: Ihren Arm, den dünnen Armreif. Er war mattsilbern. Es gab keine Rasse, die silberne Armreifen trug. Er war kaputt. Sie spürte eine eiskalte Träne ihre Wange hinunter laufen.

„Hast du Schmerzen?“, fragte Tristan besorgt.

„Wie wäre es, wenn du gehst?“, schlug Emrys vor. Tristan zögerte einen Moment bevor er nickte. Eve legte ihren Arm über ihr Gesicht. Sie spürte das kühle Metall auf ihrer Haut. Früher, wenn sie geweint hatte, hatte es immer etwas tröstliches gehabt. Sie wusste, dass der Armreif ihr Halt gab. Er gab ihr das Gefühl zu etwas zu gehören. Etwas ganzem, etwas großem. Etwas großem, das in letzter Zeit, mit jedem verschwundenen Menschen ein Stückchen kleiner geworden war. Und nun war auch sie kein Teil mehr davon. Konnte es nie mehr werden. Sie spürte, dass ihr jemand sanft durch die Haare fuhr. Sie wusste nicht, ob es ihr gefiel oder nicht. Einerseits fühlte sie sich einsam, andererseits wollte sie aber auch genau das sein.

„Hab keine Angst“, hörte sie Emrys Stimme ganz nah an ihrem Ohr. Sie schluckte. Hatte sie wirklich Angst? War es das?

Published in: on Mai 14, 2010 at 7:52 vormittags  Kommentare (5)  
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Walk over – Kapitel 1 – Teil 4

„Diese Reaktion ist immer wieder erstaunlich“, seufzte Tristan, während er seinen Ärmeln wieder herunter zog und sorgfältig zurecht zupfte. „Als ob ich total entstellt wäre“, Tristan schüttelte bedauernd den Kopf.

„Du trägst keinen Armreif!“, rief Eve entsetzt, als sie sich wieder halbwegs gefasst hatte. Sicherheitshalber trat sie noch einen Schritt zurück.

„Du schaust als hätte ich keinen Arm“, Tristan sah die beleidigt an.

„Wie kannst du..? Ich meine… Jeder hat einen Armreif!“, Eve starrte auf Tristans Arm als könnte sie durch den Hemdärmel den nicht vorhandenen Armreif sehen.

„Ein Reservatskind“, seufzte Tristan und fuhr sich lässig durch die Haare, während er immer noch den Kopf schüttelte.

„Was bist du?!“, Eve starrte Tristan ungläubig an. Es war allgemein bekannt, dass jedes Lebewesen gleich nach der Geburt einen seiner Rasse entsprechenden Armreif enthielt und gechipt wurde.

„Ein Mensch?“, fragte Tristan zweifelnd.

„Du bist kein Mensch!“, Eve deutete mit zittrigen Fingern auf Tristan. „Du…“, ihr fehlten schlichtweg die Worte. Es war als wäre jemand ohne Nase auf die Welt gekommen. Oder eher einem noch ganz anderen wichtigen Körperteil, das zur eindeutigen Identifizierung diente. So wie ein Fingerabdruck! So war es!

Tristan seufzte erneut.

„Vielleicht hast du sogar Recht. Vielleicht bin ich gar kein Mensch“, er schien einen Moment zu überlegen, sich dann aber zu besinnen. „Was hältst du davon, wenn ich dir das Leben rette, du mich begleitest und ich dir eine Welt zeige, in der es Wesen gibt, die keine Armbänder tragen?“

„Es gibt keine Menschen ohne Armbänder!“, rief Eve hysterisch. „Es sollte sie nicht geben! Das ist falsch!“

„Es ist also in Ordnung Menschen in Schubladen zu stecken?“, Tristan sah sie zweifelnd an.

„Wir stecken Menschen nicht in Schubladen! Menschen stecken in einer Schublade!“, korrigierte Eve empört.

„Ja, in der untersten“, stimmte Tristan bitter zu.

Published in: on September 7, 2009 at 8:18 nachmittags  Kommentare (5)  
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